Sonntag, 29. August 2010

Prince Albert

„Als ich vor elf Jahren hierher zog, war hier nichts los“, erzählt uns der Galerist, „wenn zwei Autos in der Stunde die Hauptstraße entlang fuhren, haben wir schon gesagt, ‚Oh, heute ist ja ganz schön Betrieb.’“ Prinz Albert ist immer noch ein Geheimtipp, wird das aber wohl nicht mehr lange bleiben: Der abgelegene Ort am Rande der Karoo hat sich mittlerweile ganz schön gemausert. Beim Frühstück in Graaff-Reinet hatte uns das nette Ehepaar aus „P.E“ (Port Elizabeth, ganz korrekt: Nelson Mandela Metropole) gesagt, dass wir Prince Albert dringend besuchen sollten.
Schon die Anfahrt war ein Erlebnis: Nach der trockenen und manchmal doch etwas eintönigen Karoo ein fruchtbares Tal, mittendrin eine Weinfarm, bei der man schon beim Durchfahren sieht, dass hier nicht Winzer, sondern Investoren am Werk sind. Und dann auf einmal Blumen, Büsche, gepflegte Gärten: Prince Albert. Viele Gästehäuser, ein altehrwürdiges Hotel (das gerade versteigert werden soll), viktorianische Häuser, die liebevoll restauriert worden sind oder restauriert werden, einladende Cafés, Galerien – und kein einziger Stacheldraht- oder Elektrozaun um die Grundstücke, die Schilder „Armed Response“ sucht man hier vergeblich. Hier sind nur die Polizeistation und das kleine Gefängnis mit Zäunen und Gittern so geschützt wie andernorts die Wohnhäuser. Der Antiquitätenhändler ist seit einigen Tagen in Kapstadt, seine teuren Waren hat er aber draußen auf der Veranda stehen lassen. Unser Guesthouse hat einen wunderbar gepflegten Rasen, aber keinen Zaun; viele Anwohner halten Schwätzchen auf der Straße, es herrscht eine von Wohlstand und Sicherheit genährte Freundlichkeit. Fast jeder grüßt - auch uns, die Fremden. Auf der breiten Straße wird sogar Fahrrad gefahren. Wir reiben uns die Augen.
„Ja, einige Ausländer haben hier Grundstücke gekauft“, sagt uns Charles, der Guesthouse-Besitzer. Aber noch haben die Südafrikaner die Mehrheit. „Wir sind keine Wochenend-Stadt wie das näher an Kapstadt liegende Greyton“, meint die Frau, die uns einen betörenden Apfelkuchen verkauft, „man muß hier schon herziehen, und dann engagiert man sich auch für die Gemeinde.“ Mittlerweile hat Prince Albert gute Restaurants, eine sehr interessante Galerie (wir kaufen dort eine Foto-Serie über die Karoo), eine Kochschule, eine wunderbare Käserei (siehe Bild!) und ist weit mehr als das in den Reiseführern beschriebene Dorf mit umliegendem Obstanbau.
Mit der Abgeschiedenheit erklärt man uns auch, dass es so gut wie keine Kriminalität gibt, die nächst größeren Städte sind alle etwa 150 km entfernt. Alkoholprobleme gibt es auch hier, das zeigen schon die „Drankwinkel“ gegenüber dem township. Aber es gibt keine harten Drogen, keine Bandenkriege, und die Zuwanderung hält sich in Grenzen.
Aber was machen Sie denn, wenn Sie eine englischsprachige Zeitung lesen oder ein Buch kaufen wollen? fragen wir den Galeristen. Das ist kein Problem, sagt er, Bücher lassen wir von Amazon kommen, und wenn wir eine Zeitung wollen, dann wissen wir schon, wer an diesem Tag in die Stadt fährt (zum Beispiel nach Oudtshorn), der bringt sie uns dann mit.
Das glauben wir gern.

Dienstag, 24. August 2010

Wie Gott in Frankreich

Ein Tisch im (Korn)Veld - auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Die kulinarischen Genüsse in Südafrika suchen ihresgleichen. Auch wenn der Plastiktisch in der Halbwüste wie hier nach einer Traktorfahrt beim "Ouden Kraal" vor Bloemfontein nur der Vorbote für den obligatorischen Sundowner ist...
„Hi, I’m Gordon“, wurden wir an der Tür begrüßt, als wir in Graaf-Reinet beim B&B nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragten. Schnell war klar: Gordon war vor drei Jahren Besitzer geworden, um der Koch sein zu können. Als junger Mann hatte er eine Lehre zum Koch wegen des mühseligen Kartoffelschälens abgebrochen, studierte lieber Jura und arbeitete anschließend als Investment Banker.
Man kann sich bei Gordon nicht einfach an den Tisch setzen, man muß vielmehr in der Lounge Platz nehmen. Wenn – endlich – alle Gäste eingetroffen sind, erscheint der Chef mit einem kleinen Notizheft am Kamin und erklärt seinen Gästen, was ihnen gleich aufgetischt werden soll. Sie haben die Wahl zwischen zwei Vorspeisen, zwei Hauptgerichten und zwei Nachtischen – und Gordon wirbt mit einprägsamen Worten für jede der Möglichkeiten. Für einen der Nachtische habe er zwei Tage gebraucht, und er sei jede Minute wert; das Wild für das Hauptgericht – Kudu-Steak – habe er selbst geschossen, und wir würden uns die Finger danach lecken. Um die gute Qualität nicht zu überdecken, wird es gar nicht erst gewürzt, sondern nur mit Olivenöl eingerieben.
Als überzeugter Slow-Food-Anhänger hatte Gordon es nicht eilig, und seine afrikanische Küchenmannschaft ist mittlerweile so gut trainiert, dass er sich noch länger mit seinen Gästen unterhalten kann, während die kombinierten Suppen und die Frühlingsrolle schon serviert werden. Und wirklich: Der Abend ist ein einziger Genuß. Der zelebrierende Koch und die moderne Karoo-Küche sind inzwischen schon Kult, die Botschafter verschiedener Länder sind deswegen schon nach Graaf-Reinet gekommen.
Am Tag zuvor, in Beaufort-West, hatten wir schon ein Karoo-Buffet nach Hausfrauenart kennnengelernt, ebenfalls sehr schmackhaft, magenfüllend und ausgesprochen preiswert.
„De Oude Kraal“ 35 Kilometer vor Bloemfontein schoss dann aber den Vogel ab. Die riesige Farm „Wilhelmshöhe“, auf der Kühe, Schafe und drei Strauße weiden, wird seit fast zwei Jahrzehnten auch als Guesthouse geführt – und was für eins! Die Kochkünste der Besitzerin sind berühmt, auch wir waren nach dem ersten Fünf-Gang-Menü hingerissen. Das Ambiente war gleichzeitig familiär und hochprofessionell. Während wir zum Abschluss an der Bar noch einen guten Cognac tranken, hatte ein freundliches Wesen in unseren Zimmern die Heizdecken eingeschaltet, so dass wir dann äußerlich und innerlich gewärmt einschlafen konnten.
Außerhalb von Südtirol haben wir kaum je so gut gegessen. Kurz entschlossen haben wir unseren Aufenthalt um einen Tag verlängert, um das Dinner noch ein zweites Mal miterleben zu können. Kein Wunder, dass „De Oude Kraal“ viele Stammgäste hat und auch in diesen Wintertagen fast ausgebucht war. Unser Gourmet-Tipp daher: Vorbuchen!!

Ein Quilt zum "Burenkrieg"

Was bei uns „Burenkrieg“ genannt wird (wohl wegen der einseitigen Parteinahme), heißt in Südafrika „Anglo-Boer War“ – und obwohl er schon mehr als einhundert Jahre zurückliegt, sind wir immer wieder erstaunt darüber, wie sehr dieser Krieg heute noch im Bewusstsein der Südafrikaner verankert ist. Ein Gutteil der Ressentiments zwischen afrikaanssprachigen Buren und englischsprachigen Südafrikanern lässt sich damit begründen.
In Bloemfontein haben wir ein Museum besucht, das diesem Anglo-Boer War gewidmet ist, wir waren fast alleine dort. Es ist ein althergebrachtes, eher düsteres Museum, in dem brav ein Ausstellungsstück neben das andere gereiht wurde. Wir haben auch aber neues gelernt, etwa, dass die burischen Gefangenen auch in Lager in andere britische Kolonien verschifft wurden und dass es auch Konzentrationslager für Schwarze gab.
Detailliert ist im Museum festgehalten, was Frauen und Kinder in den einzelnen Konzentrationslagern – zumeist Zeltstädten – in Südafrika erlitten. Unter den Toten überwiegen die Kinder, die den eiskalten Winter oft nicht überstanden haben.
Ein Ausstellungsstück im Museum sticht hervor: ein riesiger, aus der Ferne dreidimensional wirkender Quilt, der auf 15 Teilen das Schicksal der Frauen in diesem Krieg darstellt. Melanie vom „Ouden Kraal“ hatte uns darauf aufmerksam gemacht: Ihre historisch interessierte und handwerkliche begabte Mutter hat diesen Quilt produziert und dem Museum gestiftet; am 9. August, dem südafrikanischen Frauentag war er dort aufgehängt worden. Ihr war nur gesagt worden, er könne ruhig groß sein – dass er soooo groß werden würde, habe das Museum wohl nicht geahnt, meinte Melanie lächelnd. Nun ist der Quilt im 1. Stock des Museums kaum zu übersehen.

Von Kapstadt nach Kimberley

Nach dem bizarren Matjiesfontein war das bodenständige Beaufort West unser nächster Anlaufpunkt. Trucker machen hier gern Station, es gibt Geschäfte und Handwerksbetriebe. Der wohl berühmteste Sohn der Stadt war Christian Barnard, der als Sohn eines Missionars dort geboren wurde und später bekanntlich ein sehr glamouröses Leben führte. Es gibt ein kleines Museum zu seinen Ehren, in dem vor allem die zahlreichen Auszeichnungen des Herzspezialisten ausgestellt sind. Am Ende bekam der in aller Welt bekannte Doktor aus Rumänien sogar Heilmittel gegen seine Arthritis zugesandt.
Anders als in Kapstadt werden wir überall in Afrikaans angesprochen und bedauern es einmal mehr, dass wir diese schon sehr vertraut klingende Sprache nicht sprechen. Schon oft haben wir beobachtet, dass Argumente und Emotionen auf Afrikaans mit sehr viel mehr Verve vorgetragen werden. Ein Vortrag von Professor Sampie Terreblanche hörte sich auf Englisch trotz allem Eifer bieder an; als er ins Afrikaans fiel, klang das ganz wortgewaltig. Und auch der weltgewandte und derzeit in Washington lehrende Professor Charles Villa-Vicencio wechselte bei der Diskussion letzte Woche ins Afrikaans, als er etwas unterstreichen bzw. jemanden ansprechen wollte.
Wie präsent das Afrikaans im Western Cape ist, merkten wir beim vergeblichen Versuch, in Beaufort West eine englischsprachige Zeitung zu kaufen. Gelesen wird hier „Die Burger“ oder das Boulevardblatt „Son“. Bei CNA, der landesweiten Kette für Zeitungen/Zeitschriften und Schreibwaren, erhalten wir die Auskunft, man habe früher mal die linksliberale Wochenzeitung „Mail & Guardian“ angeboten, aber niemand habe ihn gekauft.
Eine wichtige und bittere Nachricht erfahren wir zwei Tage später bei Bloemfontein (hier hat das höchste Gericht des Landes seinen Sitz) aber doch. Im schönen Guesthouse wohnt auch Jeremy Gauntlett, der berühmte Anwalt, der vor dem SADC-Tribunal den Sieg der Farmersfamilie gegen Mugabe mit erstritten hat. Nun haben die SADC-Staaten bei ihrem letzten Gipfel beschlossen, das Tribunal nicht nur grundsätzlich zu überprüfen, sie haben einfach auch die Richter nicht mehr bestätigt, so dass es jetzt nicht mehr arbeiten kann. Ein Sieg für Mugabe und ein weiteres trauriges Beispiel dafür, dass Rechtsstaatlichkeit weiterhin nicht prioritär ist bzw. abgewürgt wird, wenn das Ergebnis nicht passt. Finanziert hat dieses Tribunal übrigens die EU.
Zurück nach Beaufort West. Am nächsten Morgen verlassen wir die Nationalstrasse 1 und fahren eine kleinere über Aberdeen nach Graaf-Reinet. Die Karoo-Landschaft ist eintönig, es gibt auch keine großen Tankstellen mehr, diese gut organisierten Versorgungsbetriebe, auf denen man erstehen kann, was man für die Reise braucht und manchmal auch, was die Region zu bieten hat.
Die Nationalstraßen sind hervorragend in Schuss, auch die nicht geteerten gravel roads (eine sind wir bisher gefahren) werden gepflegt. Überall wird ausgebessert und verbreitert. Gibt es eine Baustelle, wird sie von mindestens acht Schildern angekündigt, bevor man von einer Fahnenschwenkerin endgültig zum Halten bewegt oder durchgewunken wird. Irgendwo muss es eine Verordnung geben, nach der diese Tätigkeit an Frauen vergeben wird.
Wer den Film „Red Dust“ gesehen hat – aus Anlass der WM wieder im Fernsehen ausgestrahlt – erinnert sich vielleicht an die Einfahrt der Wagen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in das Tal. Die Stadt rühmt sich, einer der historischen Glanzpunkte des Landes zu sein. Jedenfalls sind 200 Häuser unter Denkmalschutz gestellt, es gibt auch eine Reihe von Museen und mitten in der Stadt die alles überragende NG Kerk. Wir kommen gegen Mittag hier an, an einem Samstag. Eine ungünstige Zeit, wie sich herausstellt, denn die Museen sind bald zu.
Die Dame im Old Library Museum ermuntert uns zwar, noch schnell Eintritt zu zahlen, ist aber dann sehr hinterher, dass wir auch bald durch sind. Dabei interessiert uns der Raum über Robert Sobukwe, den Begründer des Pan Africanist African Congress. Er wurde in Graff-Reinet geboren, war später auf Robben Island inhaftiert und hat anschließend als Rechtsanwalt in Kimberley gearbeitet. Seine Witwe soll noch in Graaf-Reinet leben. Die Bitte um eine Fotokopie eines langen Artikels aus der „Sunday Times“ über das heutige Graaf-Reinet und diesen berühmten Sohn der Stadt stösst allerdings auf komplettes Unverständnis.
Auch in den anderen Städten und Museen (in Bloemfontein wurde der ANC begründet!) werden wir in den nächsten Tagen an berühmte schwarze Widerständler erinnert – der schwergewichtige deutsche Reiseführer von Iwanowski, der im vorderen Teil des Buch um Landeskundliches sehr bemüht ist, schreibt in den Absätzen über die meisten Städte eigentlich nur über die europäische Siedlungsgeschichte. Dabei bieten auch Graaf-Reinet, Bloemfontein und Kimberley township-Touren bzw. historische Spaziergänge an. In Bloemfontein ist noch zu spüren, dass der World Cup auch der Selbstpräsentation der Stadt auf die Sprünge geholfen hat.
50 km nördlich von Graaf-Reinet und abseits der großen Straße liegt Nieu Bethesda, unser nächstes Ziel. Von trockenem Karoo-Charme spricht Iwanowski. Damit meint er offenbar vorwiegend die dort lebenden Weißen, die in diesem abgelegenen Tal u.a. Käse produzieren, Bier brauen, Gäste beherbergen und Läden betreiben. Zum Ort gehören aber auch 50 inzwischen afrikaanssprechende Xhosa und etwa 900 Coloureds. Arbeit für sie gibt es nur wenig, die wenigen Farmer haben ja schon ein paar Arbeiter auf ihrem Gelände, allenfalls für die Schafschur können sie noch mal jemanden gebrauchen.
Ja, es gebe eine Schule, erfahren wir, aber die sei so schlecht, dass die Kinder, die später nach Graaaf-Reinet geschickt werden, oft nicht mal ihren Namen richtig schreiben können. Für die Lehrerinnen und Lehrer hat unsere Gesprächspartnerin nicht viel übrig. Ob sich überhaupt etwas geändert habe seit 1994? Eigentlich nicht. Und dabei ist die Camdeboo Municipality wie das ganze Eastern Cape fest in der Hand des ANC.
Die bange Frage nach den Arbeitsmöglichkeiten beschäftigt uns bei der Anfahrt auf jeden Ort, wenn wir die großen townships sehen; viele Häuschen sind neu, eine Leistung der Regierung, aber wo sollen die Bewohner Arbeit finden? Viele Arbeitsplätze in der Dienstleistungs-industrie sind für unsere Verhältnisse schon mehrfach besetzt.
Das ist auch in Middleburg so, dem nächsten Ort. Am Sonntag wirkt das Stadtzentrum wie ausgestorben, niemand flaniert oder fährt Rad, einige Häuser sind regelrecht verrammelt. Nur vor den wenigen geöffneten (Lebensmittel-)Läden hängen schwarze Südafrikaner herum, Langeweile und Trostlosigkeit vertreibt aber auch das wohl nicht.
Nach Middleburg ist die Reise erstmal zu Ende, unser rechte Hinterreifen ist total zerfetzt. Also auspacken und nachsehen, was sich unten im Kofferraum befindet. Derweil brausen die Autos mit 120 Stundenkilometern an uns vorbei. Von der sprichwörtlichen Hilfsbereitschaft ist nichts zu spüren. Wir schaffen es dann allein und verstehen am nächsten Tag beim Blick in die Zeitung, warum niemand angehalten hat: ein Reifenwechsel ist in Südafrika total normal, 12 Millionen Reifen verschleisst das Land pro Jahr. Das ist vermutlich Weltrekord…
Also (es ist weiterhin Sonntag) nicht mehr über Seitenstraßen zum Gariep Dam (ehemals H.F. Verwoerd Dam), dem größten Stausee Südafrikas, sondern auf der Asphaltpiste schnurstracks nach Bloemfontein, laut Reiseführer die „Hochburg“ des Burentums. Melanie (siehe den nächsten Eintrag) zeigt uns auf dem Stadtplan die sehenswerten Gebäude und rät uns, die Strassen abzufahren. Wir aber fahren mitten hinein, weil wir das lieber zu Fuß machen wollen. Doch wir landen – gefühlt – nicht in einer Hochburg des Burentums, sondern in einer quirligen afrikanischen Stadt. Statt der schönen historischen Sandsteingebäude stechen die furchtbar hässlichen Bausünden der sechziger/siebziger Jahre ins Auge, die nun mit vielen Menschen, Kleinhandel und Straßengeschäften zu neuem Leben erwachen. Richtig gemütliches Sightseeing gelingt da nicht.
Nächstes Ziel – inzwischen ist es Dienstag – ist Kimberley. Hier kann man nicht nur in das „große Loch“ schauen und etwas über das Diamantenfieber zwischen 1871 und 1914 lernen, wir lesen in einem der Museen auch von einem einst lebendigen Stadtviertel, in dem überwiegend Malaien und Inder wohnten. Es wurde dem Erdboden gleichgemacht, anders als in Kapstadts berühmten District Six wurden hier auch die religiösen Orte geschleift. Und wieder wurden wir an bedeutende Persönlichkeiten erinnert. Der Journalist und Autor Sol Plaatje hat hier gelebt; er war der erste Generalsekretär des ANC. Jetzt werden er und die Gewerkschafterin Frances Baard in den offiziellen Verwaltungsbezeichnungen gewürdigt.
In Kimberley wechselt unsere Expedition die Richtung: Ab Morgen geht es wieder zurück, Richtung Kapstadt.

Freitag, 20. August 2010

Matjiesfontein

Der Reiseführer spricht von der „skurrilsten Übernachtungs-möglichkeit in Südafrika“. Recht hat er! Matjiesfontein wird in den Broschüren nur selten erwähnt – und als wir vor der N1-Autobahn abfahren, wissen wir auch, warum. Die Ortschaft besteht nur aus wenigen Gebäuden, vor allem aus einem: dem „Lord Milner Hotel“.
Gebaut hat es der Schotte Jimmy Logan, der 1874 als junger Mann nach Südafrika kommt und in dem kleinen Nest Matjiesfontein an der Bahnlinie die Versorgung der Passagiere mit Lebensmitteln übernimmt. Bald ist Matjiesfontein ein beliebter Erholungsort für Kapstädter; während des Anglo-Buren-Krieges sind hier 10.000 britische Soldaten mit 20.000 Pferden stationiert, und das gerade gebaute „Lord Milner Hotel“ wird ein Lazarett für britische Offiziere. Dann gerät der Ort in Vergessenheit und wird erst 1968 aus dem Dornröschenschlaf gerissen: Das „Lord Milner“ wird restauriert, ist aber immer noch – siehe oben – ein leicht bizarrer Ausflug in die Geschichte.
Der Eingang pompös mit viel rotem Teppich, der Portier in roter Uniform arbeitet schon 23 Jahre für das „Lord Milner“, die Dielen knarren für Jahrhunderte, die Honeymoon-Suite hat ein Badezimmer mit zwei(!) Wannen, ist aber ohne Heizung und mit einem Teppichboden ausgestattet, der vor einem halben Jahrhundert verlegt worden sein muß und augenscheinlich schon viel erlebt hat. Einige Jahrzehnte vorwegnehmend wurde das Bad aber schon mit einem Radioempfänger versehen, man kann wählen zwischen English, Afrikaans, Springbok und Musik. Der Balkon in Richtung Bahnhof ist riesengroß: Alles ist irgendwie skurril, auf koloniale Grandezza ausgelegt und doch nur spärlich bewohnt. Im Winter ist das Hotel kaum gebucht – wir zählen acht, neun Gäste.
Beim Einchecken verspricht ein Zettel für nachmittags um sechs eine Stadtrundfahrt, und als wir nachfragen, heißt es: „Ja, wir können Jonny bitten, heute eine Tour zu machen.“ Es dürfte die kürzeste und abgedrehteste Stadtrundfahrt dieser Hemisphäre sein: Knapp zehn Minuten tuckern wir mit einem ausrangierten britischen Doppeldecker zweimal dieselben Straßen hinunter und hören vom Fahrer – „it’s show time“ – hundert Jahre alte Geschichten – und die von der britischen Königin, die nach dem Zweiten Weltkrieg im „Lord Milner Hotel“ teatime hatte (die Räume sind noch heute sehenswert). Big fun! Und Stimmenimitator ist Jonny auch noch: Zum Abschluß gibt’s eine Kostprobe von Eugene Terre’Blanche und Nelson Mandela.
Ab 19 Uhr wird im Hotel das Dinner serviert: alle Tische sind mit Kerzen illuminiert, die Stühle etwas altersschwach, die Möbel wohl fast 100 Jahre alt. Die Damen der Bedienung tragen weiße Häubchen, die an die schwarzen Mammies aus „Vom Winde verweht“ erinnern. Der Reiseführer hatte von einer gnadenlos schlechten Erlebnisgastronomie geschrieben – aber das Karoo-Lamm ist excellent, ebenso das Steak.
Der Barkeeper in der ebenso alten Bar des Hotels stammt auch aus Matjiesfontein. 370 Menschen leben hier, erzählt er – und sie leben für und mit dem Lord Milner“. Außer dem Hotel gibt es hier keine Arbeit. Nun ist der Besitzer in der vergangenen Woche verstorben, und niemand weiß so recht, wie es weitergeht. Eine Stiftung scheint Geld in das Dorf hineinstecken zu wollen – ein Spa und Konferenzzentrum ist geplant, und dreimal die Woche (wenn wir das richtig verstanden haben) halten Touristenzüge, Jonny macht seine Show, und die Bar bekommt Kundschaft.
Dabei fällt dann alles mögliche aus der globalen Welt ab. Am Nachmittag fragt uns ein freundlicher Mann, ob er mit uns sprechen könne. Aus der Tasche zieht er einen Geldschein, 1 Dinar der Bank von Bahrein. Ob wir wüssten, wie viel das wert sei. Nein, aber das könne man dann doch im I… - Ag ne, man, doch nicht in Matjiesfontein. Ob wir den Schein in Rand tauschen können? Wir geben ihm 10 und versprechen, jemanden zu fragen. Morgen wüssten wir dann, ob das zu wenig gewesen sei. Dann könnten wir ihm doch gleich 20 „bucks“ geben, dann müsse er morgen nicht wiederkommen. Die Logik ist bestechend, mit 20 Rand zieht er ab und erzählt noch von den ausländischen Münzen, die er gelegentlich von den Touristen bekommt.
Irgendwie kommen die Leute also über die Runden. Trotzdem will der Barkeeper das Hotel bald verlassen: Nein, in fünf Jahren werde er nicht mehr hier sein! Jungen Leuten wie ihm kann Matjiesfontein keine Zukunft bieten. Er hat schon ein Angebot, in der 25 Kilometer entfernten nächsten größeren Stadt zu arbeiten. Vielleicht will er auch in die Politik gehen – in die DA oder den ANC? Egal, sagt er, aber ich will etwas für meine Leute tun. Die, die bisher die Stimmen abgeräumt haben, haben nichts getan. Der letzte hatte einen Laden versprochen, aber dann doch nur eine „tavern“ aufgemacht.
Das ist dann nicht mehr skurril, sondern eine alltägliche Erfahrung in Südafrika…

Aufbruch

Donnerstag, 19. August, 11.50 Uhr: Wir brechen zur ersten Expedition ins Landesinnere auf. Drei Wochen Kapstadt sind wie im Flug vergangen; jetzt wollen wir die große Stadt verlassen. Die erste Reise geht quer durch die Karoo in Richtung Kimberley – dort ist es jetzt tagsüber 27, nachts aber nur 2 Grad warm bzw. kalt. Mal sehen, wie uns das gefällt…

Mittwoch, 18. August 2010

Public Library

Die "Public Library" von Kapstadt liegt mitten in der Innenstadt, an der "Grand Parade", dem Platz vor dem Rathaus - zentraler gehts nicht. Wir haben das Gebäude beim Workshop des Instituts für Gerechtigkeit und Versöhnung zum erstenmal betreten - und fühlten uns in die Studentenzeit zurückversetzt. Großzügige Regale über drei Stockwerke (es war offensichtlich früher einmal eine alte Fabrikhalle - noch heute wird von der "Drill Hall" gesprochen), viele alte Bücher, sorgfältig eingebunden und mit Bibliothekszeichen versehen - und viele Schwarzafrikaner, die das Angebot nutzten, an den Lesetischen saßen und ihre Lektüre studierten. 40.000 Besucher zählte die Bibliothek im Jahre 2004 jeden Monat. Mit Hilfe einer amerikanischen Stiftung ist sie damals in die "Drill Hall" eingezogen. Vom Königreich der Mayas bis zur Volksrankheit Diabetes ist thematisch alles vertreten; ein spezielles Regal ist für "Easy Reading" und damit wohl für die Anfänger reserviert.
Geklaut wird vermutlich auch hier; am Eingang jedenfalls wird automatisch kontrolliert, und vor den Workshop-Räumen sitzt eine Wache - und weist uns flüsternd darauf hin, dass im nächsten Raum auch Internet-Computer zur Verfügung stehen. Lesen kann hier offensichtlich jeder; wer Bücher entleihen will, braucht einen Ausweis. Wenn Zeit dafür ist, werden wir die Bestände einmal genauer unter die Lupe nehmen!