Montag, 27. Februar 2012

Ist Kapstadt rassistisch?

Kapstadt ist rassistisch! Das kann man in Südafrika gelegentlich hören, vor allem aus dem Mund von schwarzen Johannesburgern, denen in einem Club/Restaurant der Eintritt verweigert wurde oder die von solchen Vorfällen gehört hatten. Viele Kapstädter schütteln darüber den Kopf oder verteidigen ihre Stadt in Leserbriefen an die Cape Times.
Ende 2011, in Südafrika Weihnachts- und Sommerferienzeit, kochte die Debatte auf Twitter richtig hoch, it went viral nennt man das dann. Es begann mit einer Klage der Sängerin Lindiwe Suttle auf Twitter: „Egal, wie berühmt/reich Du bist, in Kapstadt bist Du immer noch ein Mensch zweiter Klasse, wenn Du schwarz bist.“ Helen Zille, die resolute Gouverneurin der Provinz, die so heftig twittert, dass auch ihre Bewunderer sich manchmal fragen, ob das nicht ein bisschen viel ist, konterte schnell und wies diese Aussage als „kompletten Unsinn“ zurück. Sie verlangte Beispiele – und als die auf ihrem Schirm erschienen, feuerte sie schnell e-mails an die Beschuldigten raus, verlangte Stellungnahmen. Was die Wogen hätte glätten sollen, ließ sie nur noch mehr anschwellen. Pedantisch, technokratisch sei die Reaktion, keine angemessene Antwort auf die gefühlte Ablehnung und den institutionalisierten Rassismus.     
Schließlich twitterte Simphiwe Dana, eine bekannte Sängerin, an Zille: „Wollen Sie bestreiten/leugnen, dass Kapstadt rassistisch ist“? Und ein paar Wortwechsel später: „Versetzen Sie sich doch einmal in unsere Haut.“ Zille gab fix zurück: „Sie sind eine sehr angesehene schwarze Professionelle. Versuchen Sie doch nicht, eine professionelle Schwarze zu sein.“ Gefragt, was sie unter einem „professionellen Schwarzen“ und dann, was sie unter einem "professionellen Weißen" verstehe, definierte Zille: eine Person, die „sich obsessiv mit sich selbst beschäftigt und sich als Opfer inszeniert“.
Nun wurde aus dem Sturm der Entrüstung ein online hurrican. Was die allermeisten Kritiker nicht wussten: Der Begriff professional black stammt nicht von Zille, sondern von Jacob Dlamini, einem klugen Kolumnisten. Er hatte Jimmy Manyi, den Regierungssprecher, einen „professionellen Schwarzen“ genannt. „His profession is blackness. He trades on his skin colour… Manyi is not alone. There are thousands of professional blacks out there.” (Business Day, 10.3.2011).
Inzwischen haben sich Leitartikler und Leserbriefschreiber zu Wort gemeldet. Immer wieder ist dabei von „classism“ die Rede: Danach ist es der sozioökonomische Status, der bestimmt, was man kann und darf. Wer Geld hat, gehört dazu, wer keins hat, muss draußen bleiben. Und Geld haben die Weißen eher als die meisten Schwarzen. Club-, Restaurant- und Geschäftsbetreiber scheinen keine Probleme zu haben, sich zu „classism“ zu bekennen, ist damit doch aus der durch eine moralisch verwerfliche Politik geschaffenen Kluft ein schlichter Tatbestand geworden, den es überall auf der Welt gibt.  
Doch es gibt auch andere Erfahrungen. Anfang des Jahres haben Babalwa Shota und Lucas Ledwaba, zwei Journalisten von City Press, die Probe aufs Exempel gemacht und in den angesagten Etablissements, in denen Schwarze angeblich nicht willkommen sind, kräftig gefeiert. Gleich mehrere Tage. Diskriminierung haben sie, so ihr Bericht Colours of Cape Town,  nicht erlebt.
Mit zunehmender Länge der gedruckten Beiträge ist die Debatte auch sachlicher geworden. Tatsächlich ist Kapstadt die einzige Großstadt des Landes, in der Schwarze in der Minderheit sind. Das hat mit der Siedlungsgeschichte des Landes und der Apartheidpolitik zu tun, die die Kapprovinz zum Coloured Labour Preference-Gebiet erklärt hatte. Die Schwarzen, die heute nach Kapstadt strömen, kommen meist aus der armen und schlecht regierten Ostkap-Provinz und lassen sich in den townships und den informal settlements nieder. So leben Weiße, Coloureds und Schwarze, von einigen Gebieten abgesehen, weiter weitgehend getrennt.
Anders als in Johannesburg, wo die große Mehrheit der Bevölkerung schwarz ist, wo elegante Mittelschichtangehörige im Stadtbild sehr präsent sind und es mit Soweto einen großen Stadtbezirk mit Selbstbewusstsein und jüngst vielen Verbesserungen gibt, hat sich in Kapstadt kein solches schwarzes Zentrum entwickeln können. Das nur sehr rudimentäre öffentliche Nahverkehrssystem, die Siedlungsstruktur (suburbs auf der einen, townships auf der anderen Seite)  und die Angst vor Kriminalität tragen zusätzlich dazu bei, dass die Kapstädter – zumindest, nachdem es dunkel geworden ist – weit getrennt von einander leben.
Doch gelegentlich findet sich ein Teil von ihnen zu gemeinsamen Aktionen zusammen. Palesa Morudu hat in einem Beitrag für Business Day daran erinnert, dass einst die United Democratic Front gegen Apartheid in Kapstadt ihren Ausgangspunkt nahm, dass Equal Education, eine beeindruckende Bewegung für bessere Schulen, jedes Jahr in Kapstadt einen großen Protestmarsch abhält und dass sich Menschen aller Hautfarben zu verschiedenen Protestaktionen gegen die Protection of Information Bill zusammen geschlossen haben.
Die Debatte zeigt, dass die Südafrikaner weit davon entfernt sind, eine gemeinsame Sicht auf die Vergangenheit und die Gegenwart zu haben. „Wir müssen eine gemeinsame Geschichte schreiben“, hat Russel Botman, der scharfsichtige Rektor der Universität Stellenbosch, seinen Beitrag zum Thema überschrieben. „Fast niemand in Kapstadt hat nur eine Geschichte. Wir alle haben sehr verschiedene von Herkunft, von Abstammung, von dem, was wir ererbt und was wir uns an Ansehen erarbeitet haben. Und viele von uns haben Unterbrechungen in ihrer Herkunftsgeschichte erlebt – durch Sklaverei, erzwungene Umsiedlung und soziale Degradierung.“ 
Ist Kapstadt rassistisch? Eine Stadt, so hat Helen Zille zu Recht betont, kann nicht rassistisch sein. Auf jeden Fall ist Kapstadt in mancher Hinsicht anders als der Rest des Landes, die Stadt hat eine andere Bevölkerungsstruktur und damit wohl auch eine andere „Transformations“-Geschwindigkeit. Und sie wird - das spielte bei der ganzen Aufregung auch eine Rolle - von einer anderen Partei regiert als die übrigen Provinzen, von Helen Zilles Democratic Alliance. Sie will das Erbe der Vergangenheit hinter sich lassen, in dem sie durch good governance gleiche Chancen für alle Menschen schafft. Ein liberales Konzept also mit zunehmend sozialdemokratischen Ergänzungen. Der ANC dagegen möchte Transformation durch beschleunigte Umverteilung erreichen, dazu müsse die Partei alle wichtigen Schaltstellen kontrollieren: eine Art Staatskapitalismus mit starken Patronageelementen.
Trotz der vielen negativen Begleiterscheinungen (Korruption, Mängel in der Verwaltung) ist das für viele (schwarze) Südafrikaner das attraktivere Konzept. Mit technokratischer Effizienz allein kann man in Südafrika noch weniger die Herzen gewinnen als anderswo. Die starken Frauen am Kap – neben Helen Zille ist das Kapstadts Bürgermeisterin Patricia de Lille - haben sich nicht in die Defensive drängen lassen. Was noch fehlt, ist eine Vision für ein gemeinsames Kapstadt. 

Samstag, 4. Februar 2012

Max du Preez und das ANC-Jubiläum

Südafrika hat viele mutige und meinungsfreudige Journalisten. Einer, der sich gern ins Getümmel stürzt, ackert und dann deutliche Worte findet, ist Max du Preez. 1988 hatte er das Vrye Weekblad gegründet, eine „alternative“ (wie man damals sagte) afrikaanssprachige. Wochenzeitung, die mächtig von sich reden und der Apartheidregierung zu schaffen machte.
   Nach dem Ende der Apartheid verantwortete er im SABC-Rundfunk das investigative Magazin Special Assignment, eine der wenigen sehenswerten Fernsehsendungen, wurde aber bald wegen Unbotmäßigkeit gefeuert. Er hat das in der ihm eigenen Art so kommentiert: „Ich passte nicht in das übersichtliche, kleine Bild eines uniformen, disziplinierten Korps von Soldaten, die blind und ohne je kritische Fragen zu stellen ausführen, was die Hierarchie anordnet.“
   Max du Preez hat eine Reihe interessanter Bücher geschrieben und herausgegeben, zuletzt 2011 Opinion Pieces by South African Thought Leaders, einen sehr lesenswerten aktuellen Sammelband mit Beiträgen renommierter Autoren wie Neville Alexander, Jonathan Jansen, Njabulo Ndebele und Carmel Rickard.
   Als im April 2011 ein Mann an seine Bürotür in der Kapstädter Long Street klopfte, sich mit seinen Komplizen Handy und Laptop von du Preez schnappte und wegrannte, da verfolgte der gerade 60 gewordene die Diebe noch ein gutes Stück durch die Stadt, bis er aufgab. Später lobte er 7000 Rand, um wieder an die dort gespeicherten Daten zu kommen. Dazu gehörten zwei Kapitel und Recherchen für ein weiteres Buch über Nelson Mandela, das inzwischen erschienen ist (The Rough Guide to Nelson Mandela).
   Streitbar und streitlustig wie er ist, hat sich du Preez natürlich auch zum Jubiläum des ANC geäußert, der sich am 8. Januar in Bloemfontein groß selbst gefeiert hat und selbstverständlich davon ausgeht, dass er allein legitimiert ist, das neue Südafrika zu regieren und das auch auf Dauer tun will.

   „Der ANC ist mehr als eine politische Partei. Er steht für eine nationale Bewegung. Jeder Südafrikaner, der die Beendigung der Apartheid und der weißen Vorherrschaft unterstützt hat, ist Teil dieser Bewegung. Sie ist das Symbol unserer Befreiung und Emanzipation und deshalb unser aller Sache. Wenn nun der ANC im nächsten Monat sein hundertjähriges Bestehen feiert, dann sollten wir alle feiern. 
   Wenn man die Uhr etwas zurückdreht, dann könnte dieser Absatz von mir geschrieben worden sein. Ich habe lange die Ansicht vertreten, dass der ANC den Menschen dieses Landes gehört, nicht nur den eingeschriebenen Parteimitgliedern oder der gewählten gegenwärtigen Führung – genau so wie Albert Luthuli, Walter Sisulu, OR Tambo und Nelson Mandela uns allen gehören. 
   Schluß damit. Sollte ich einen Drink nehmen, wenn an seinem Geburtstag auf den ANC angestoßen wird, dann nur, um meine Traurigkeit zu ertränken, nicht um zu feiern. 
   Das Ansinnen des ANC, dass das ganze Land zusammen Party machen soll, um 100 Jahre ANC zu feiern, hat mich lange und grundsätzlich über meine frühere Haltung nachdenken lassen. Ich hatte starke Argumente dafür aufgefahren, dass die Bewegung etwas größeres sei als die Leute, die heute ihre Strukturen bestimmen, dass sie mehr sei als nur die gegenwärtige, von der Partei ernannte Regierung. In gewisser Weise sind wir alle ANC, jedenfalls all jene, die Freiheit, Fortschritt und zurückgegebene Würde wollen. Das hatte ich mir zurechtgelegt. 
   Der Niedergang der vergangenen Monate hat mir vor Augen geführt, wie falsch ich lag. Nicht dass der ANC in diesen wenigen Monaten verfault war, vielmehr ist die Hoffnungslosigkeit der Lage gerade glasklar geworden. Wir erleben die Manifestation von Jahren von Missbrauch, Mangel an Moral, Nepotismus, Korruption, Machthunger, Gier und Anspruchsdenken. 
   Es ist nicht der ANC, der da nächsten Monat in Bloemfontein teuren Whisky trinken und die Annehmlichkeiten der Macht zur Schau stellen wird. Der ANC ist in Wirklichkeit tot. Bei denen, die sich da feiern, handelt es sich lediglich um eine von Scharlatanen und machtbesoffenen Autokraten angeführte Partei, die sich des Namens des ANC bedient.“ 

 Max du Preez: The real ANC is dead.

Samstag, 28. Januar 2012

80 Jahre London - Kapstadt

Nicht nur der ANC hat in diesem Jahr ein rundes Jubiläum zu feiern – nur sind es nicht genau 100 Jahre: British Airways hat in diesen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass die Linie vor 80 Jahren ihren Flugdienst nach Kapstadt aufgenommen hat. Am 20. Januar 1932 landet die erste Maschine auf dem Liniendienst London-Kapstadt mit Post an Bord an der Südspitze Afrikas. Die Linie heißt damals noch Imperial Airways, einer der Vorläufer von BA. Drei Monate später dürfen dann die ersten Passagiere mitfliegen – Platz gibt es allerdings nur für sieben. Und das Reisen nach Kapstadt zu dieser Zeit ist noch ein großes Abenteuer. Es geht in mehreren Etappen vor sich, schließt eine Zugreise ein und dauert insgesamt zehn Tage: Abflug in Croydon am Donnerstag, Landung in Kapstadt am übernächsten Sonntag.
1938 gibt es dann schon zwei Flüge in der Woche, und British Airways ist stolz, die Reisezeit auf viereinhalb Tage gedrückt zu haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg startet BOAC (British Overseas Airways Corporation), die Nachfolgerin von Imperial Airways, auf der Route London – Johannesburg den weltweit ersten Passagierdienst mit einem Düsenjet – ein Flug mit Zwischenlandungen in Rom, Beirut, Khartum, Entebbe und Livingstone, der allerdings nicht nach Kapstadt verlängert wird. Die Reisezeit nach Südafrika wird damit noch einmal mehr als halbiert auf jetzt 23 Stunden.
Seit 1984 kann man Kapstadt dann einmal in der Woche von London aus mit BA direkt anfliegen (die Kapstädter tauften ihn schnell „Friday Night Jumbo“), 1990 werden daraus zwei Flüge wöchentlich.
Nach Ende der Apartheid ist Kapstadt ein internationales Touristen-Ziel, eines der attraktivsten der Welt. Heute besuchen im Jahr mehr als acht Millionen Urlauber Südafrika; fast zwei Millionen von ihnen landen auf dem Flughafen von Kapstadt. British Airways bietet in der Hauptsaison täglich zwei Flüge zur „Mother City“, das sind fast 5.000 Sitzplätze in der Woche in jede Reiserichtung. Flugzeit nach London heute: gut elf Stunden.

Freitag, 6. Januar 2012

(ANC-)Politik als Romanze

Der ANC feiert an diesem Wochenende sein hundertjähriges Bestehen. Es beginnt mit einem Golfturnier - und gefeiert werden soll das ganze Jahr über, bis dann auf der nächsten Jahreskonferenz in Mangaung (= Bloemfontein) Präsident Zuma wiedergewählt werden wird (oder nicht). Über die Regierungszeit des ANC seit 1994 hat die "City Press" folgende hübsche Geschichte veröffentlicht (aufmerksame Blog-Leser konnten sie schon im Mai 2011 hier auf englisch lesen):

Wenn Politik eine Romanze wäre, dann wäre der ANC ein Spieler und ein furchtbarer Ehemann.
Ja, der ANC wäre der schwarze Mann mit armem Hintergrund, der eine andere arme schwarze Frau vor einem furchtbaren reichen weißen Ehemann gerettet und sie vor 17 Jahren geheiratet hätte.
Als sie heirateten, hat er ihr den Himmel auf Erden versprochen.
In den ersten fünf Jahren der Ehe schien alles eitel Sonnenschein, der Mann gab sich große Mühe und zeigte alle Anzeichen eines treusorgenden Ehemannes. Er versprach ihr ein neues Haus, Job oder Geschäft und all die anderen süßen Dinge des Lebens.
Zehn Jahre gingen ins Land. Nichts geschah. Die Frau fing an, sich zu beschweren und drohte, ihn zu verlassen, aber er war ja geschickt und redete ihr das aus, und sie gab ihm eine neue Chance. Er versicherte, alle seine Pläne seien noch gültig, und er werde sie wie versprochen verwirklichen.
Von Zeit zu Zeit erzählt er ihr, er als einziger verstehe ihre Probleme; es habe daher keinen Sinn, sich andere Männer auch nur anzuschauen – die würden sich nicht um sie kümmern, wollten sie nur benutzen.
Fünfzehn Jahre vergingen, und es gab immer noch kein Haus, kein Job, kein Geschäft. Die Frau zweifelte immer mehr, wurde wütend und erinnerte ihn an seine gebrochenen Versprechen.
Statt sie zu erfüllen, fing er an zu erpressen, ging zurück zu ihrer Vergangenheit und riet, sie solle wegen ihrer gemeinsamen Geschichte auf jeden Fall bei ihm bleiben und niemals vergessen, wie stark er sich für ihre Freiheit aufgeopfert habe.
Aus Schuldgefühl, Verwirrung und blinder Loyalität entschied die arme Frau, der Ehe noch eine weitere Chance zu geben.
Inzwischen verschwand er immer öfter und kam dann nur an ihrem Hochzeitstag mit kleinen Geschenken und Süßigkeiten wieder zurück; er schwindelte über sein Verbleiben, versicherte der armen Frau aber immer wieder, sie bleibe seine Nummer Eins.
Ironischerweise ist er es, der vergessen hat, woher er kommt.
Der Mann lebt mittlerweile auf großem Fuß – riesige Häuser, neumodische Autos, teurer Champagner, man fliegt Business, nächtigt in Luxushotels und teilt seinen Reichtum mit Freunden und Verwandten, während die arme Frau immer tiefer in die Armut rutscht.
A luta continua, der Kampf geht weiter. Entschuldigung, ich meine: Die Heirat geht weiter.
Tschüß, bis 2014!

Thembelani Vuntu in „City Press“, 8. Mai 2011

Freitag, 27. Mai 2011

Ausgebloggt

 Und mit einem Bild aus St. James/Kalk Bay - der Urnengang zur Kommunalwahl wurde von freundlichen Polizisten gesichert - verabschieden wir uns erst einmal aus Südafrika: Die drei Monate sind wieder einmal schneller um als gedacht, die Zeit vor der Abreise war wieder einmal viel zu kurz, einige Blog-Entwürfe bleiben noch im Computer. Wir sagen danke fürs Mitlesen und -denken! Und bis demnächst vielleicht, vielleicht sogar in Kapstadt...
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Montag, 16. Mai 2011

Franschhoek Literary Festival

In den vergangenen drei Tagen war fast alles, was in Südafrikas Literaturszene Rang und Namen hatte, nach Franschhoek gekommen: zum fünften Literatur-Festival. Der kleine Wein- und Gourmet-Ort wurde von den Buchfreundinnen und -freunden voll in Beschlag genommen - drei Tage lang, mit 70 Veranstaltungen in der Kirchenhalle, der Schulaula, in Seminarräumen und mehr als 7.000 verkauften Tickets. Ein tolles Erlebnis - und obwohl wir mit 15 Veranstaltungen ein prall gefülltes Programm absolviert haben, hätte es noch viel mehr Interessantes gegeben.

Wir sind in erster Linie zu den politischeren Veranstaltungen gegangen. Die Hochschulprofessoren Jonathan Jansen und Francis Wilson diskutierten über „Leadership and Innovation“, die Simbabwe-Experten Douglas Rogers („The Last Resort“) und Peter Godwin („The Fear“) zeigten sich sehr pessimistisch über die Zukunft dieses Landes, Mondli Makhanya diskutierte mit zwei weiteren Journalisten über Bedrohungen der Pressefreiheit, Tim Couzens und Max du Preez unterhielten sich über die Schwierigkeiten, noch Neues über Nelson Mandela zu schreiben. Nach all den kritischen Bestandsaufnahmen der Gegenwart sehr berührend war unsere Abschluss-Veranstaltung zu den „Struggle Stalwarts“, in der Ronnie Kasrils, Lynn Carneson und Hugh Lewin noch einmal lebendig werden liessen, mit welchem Mut Menschen gegen die alte Apartheid-Ordnung gekämpft hatten.

60 Rand kostete der Eintritt zu jeder Veranstaltung - und nach fünf Jahren ist dadurch soviel Geld zusammen gekommen, dass die geplante neue Bibliothek mit Kommunikationszentrum für Franschhoek jetzt gebaut werden kann.

Sonntag, 15. Mai 2011

Die Toilettenwahl

(rwl) Die "Toilettenwahl" - so hat die Wochenzeitung Mail & Guardian die Kommunalwahlen am 18. Mai charakterisiert. Für die neue Demokratie, gerade erst 17 Jahre alt, wie immer betont wird, ist das ein peinliches, aber für die gegenwärtige Katerstimmung auch charakteristisches Verdikt. Der Streit um die Toiletten währt nun schon viele Monate. Angefangen hat alles 2009 in Kapstadt.

Eine Stadt wie Kapstadt so zu regieren, dass die Bürgerinnen und Bürger zufrieden sind, ist ein harter Job. Die Bewohner der wohlhabenderen Vororte möchten, dass die guten Standards der Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen aufrecht erhalten werden. Sie verweisen gern darauf, dass sie ja schließlich Steuern zahlen. Die in den townships lebenden Menschen möchten, dass sich ihre Lebensbedingungen verbessern, sie möchten solide Häuser, geteerte Straßen, eine Klinik in der Nähe. Die Neuzuwanderer (jedes Jahr kommen 18 000 Familien zusätzlich nach Kapstadt) in den „informal settlements“, erst jüngst errichteten Siedlungen mit shacks (selbstgebauten Buden), möchten ein stabiles Dach über dem Kopf und überhaupt erst einmal Anschluss an das Wasser- und Stromnetz. Und neben diesen konkurrierenden Interessen gibt es ja noch andere Aufgaben, will die Stadt weitere Arbeitsplätze schaffen und Touristen anziehen. Nun wirbt die regierende Democratic Alliance im Wahlkampf damit, dass sie für alle sorge („Delivery for All“).

Wahrscheinlich verflucht sie den Tag, als sie sich 2009, wohl in guter Absicht, einfallen ließ, bei der Verbesserung der Lebensbedingungen, upgrade genannt, in einem dieser informal settlements einen unkonventionellen Weg zu gehen. Die nationale (ANC-)Regierung hat festgelegt, dass pro fünf Familien ein Toilettenhäuschen errichtet wird. Damit dennoch mit dem gleichen Budget jede Familie eine Toilette bekommt, vereinbarte die DA-Regierung mit der „community“, dass sie nur die Toiletten liefert und ans Netz anschließt, dafür aber die Familien das Häuschen darum selbst bauen. Die ganz große Mehrheit (1265 Familien) machte das auch, 51 Familien aber konnten oder wollten den Sicht- und Wetterschutz nicht errichten.

Das war der Beginn des Kapstädter Toilettenkrieges, der nun seit Wochen das ganze Land beschäftigt: Die Jugendliga des ANC erkannte schnell die gute Gelegenheit, aus der Verlegenheit der Nutzer der im Freien stehenden Toiletten politisches Kapital zu schlagen und die verhasste Stadtregierung in Verlegenheit zu bringen: Seht, so geht die DA mit armen Leuten um! Sie reichte Klage bei der Menschenrechtskommission ein, die DA reagierte darauf mit der Umkleidung der Toiletten mit Wellblech, Bürgermeister Don Plato kam höchstpersönlich, um sie zu übergeben. Doch die Jugendliga verjagte den Bürgermeister und riss einen Teil der „minderwertigen“ Wellblechverkleidungen gleich wieder ein. Daraufhin ließ der Bürgermeister die Klos ganz abbauen. Ein Versuch von ihm und Gouverneurin Helen Zille, in einem Gespräch eine Lösung zu finden, endete im Chaos, die Jugendliga drohte damit, die ganze Stadt unregierbar zu machen.

Die Menschenrechtskommission sah die Würde der Menschen verletzt und hielt der Stadt vor, die community nicht ausreichend und nicht angemessen konsultiert zu haben. Die Stadt wiederum fühlte sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, hatte sie sich doch an die nationalen Regeln gehalten und versucht, das Beste daraus zu machen. Am Ende musste das Oberste Gericht der Westkap-Provinz (angerufen von der Jugendliga des ANC) entscheiden. Richter Nathan Erasmus ordnete an, dass die Stadt die Toiletten ordentlich verkleiden muss. Und er rügte die Konfliktparteien heftig - die Stadt in ihrer rechthaberischen Arroganz und die Jugendliga des ANC für die unappetitliche Doppelrolle ihres lokalen Vorsitzenden. Andili Lili war nämlich vom Bauunternehmen dafür angestellt worden, die Bevölkerung über die geplanten Maßnahmen und Bauarbeiten zu informieren und die Firma zu beraten.

Doch kaum war der Jubel vor dem Gericht verklungen, tauchten im Internet die ersten Vorhersagen auf: Dem ANC würden seine Freudenbekundungen, die DA-regierte Stadt vorgeführt zu haben, noch im Halse stecken bleiben. Denn es gebe ja genügend ANC-Kommunen, in denen die Menschenwürde verletzt würde. Die nächsten unverkleideten Toiletten waren schnell gefunden: Im township Rammulotsi nahe Viljoenskron im ANC-regierten Free State stehen sie seit Jahren im Freien. Und der zuständige Minister, eben jener Sicelo Shiceka (vgl. unseren Blog vom XX.XX.2011) soll das auch gewusst haben (was er mittlerweile bestritten hat).

Der ANC versuchte, zu retten, was zu retten ist, rückte mit viel Prominenz ins township ein, beteuerte, nichts von den unverkleideten Toiletten gewusst zu haben, befand, dies sei ein großer Skandal, versprach umgehende Abhilfe und forderte, bei den Verantwortlichen müssten jetzt „Köpfe rollen“. Was die Krisen-PR angeht, ist der ANC mit seiner schnellen, populistischen Reaktion der immer noch streng auf ihre gute Absicht und die Spielregeln pochenden DA um einiges voraus.

Von den größeren Zusammenhängen ist in der Wahlkampf-Stänkerei kaum noch die Rede. Gavin Silver von der Social Justice Coalition in Khayelitsha hält es für das Grundproblem, dass die informellen Siedlungen als temporär angesehen und nicht als dauerhaft akzeptiert werden. Südafrika erlebt seit dem Ende der Apartheid eine verspätete Verstädterung, die die Versorgung mit grundlegenden Diensten zum „moving target“ macht: Während man neue Siedlungen baut, entstehen gleich daneben die nächsten informellen Hütten.

Grundlegender noch hat sich gezeigt, dass die Vergabe von Häusern an Menschen, die keine Arbeit haben, neue Probleme schafft: Brauchen sie Geld, wird das Haus verkauft oder im kleinen Hinterhof ein „shack“ errichtet und an Neuzuzügler vermietet. Sehr viele Häuser sind zudem so schlecht gebaut, dass sie grundlegend saniert werden müssen. Das hat der für Wohnungsbau zuständige Minister Tokyo Sexwale jüngst eingeräumt. Und er hat auch durchblicken lassen, dass die Regierung nicht auf Dauer Häuser bauen und kostenlos abgeben könne.

Damit wird ein weiterer Konfliktpunkt sichtbar: Jan Hofmeyr vom Kapstädter Institute of Justice and Reconciliation stellte bei einem Seminar der Hanns-Seidel-Stiftung die Frage, was auf Gesellschaften zukomme, wenn die sozialen Grundrechte in der Verfassung garantiert seien, der Staat aber kein Geld habe, die entsprechenden Versorgungsleistungen zu finanzieren.