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Sonntag, 20. März 2011

Südafrika? Eigentlich kein Thema…

Kleiner Zwischenstopp in Europa: die Buchmesse in Leipzig. Serbien war zwar das diesjährige Schwerpunktthema, aber sonst spielte das Ausland auf der Messe kaum eine Rolle, und das fernere schon gar nicht. Wenn da nicht die Literaturexperten des kleinen Saarländischen Rundfunks gewesen wären - aber davon später.

Leipzig ist die weite Anreise wert gewesen. Ein Massenerlebnis zwar, vor allem bei den Straßenbahnfahrten zum Messegelände (Sardinen-Gefühle sind nichts dagegen), aber in dem ganzen Rummel gab es doch jede Menge interessanter Gespräche und Lesungen. Zunächst erschlägt einen das Angebot an Veranstaltungen (im Halb-Stunden-Rhythmus gibt es jeweils 10, 20, manchmal 30 Angebote; der Katalog ist eng bedruckte 430 Seiten stark), aber dann strebt man gezielt von einem Stand zum nächsten, von der politischen Prominenz (Blüm, Biedenkopf, Steinbrück) zur belletristischen (von Autor Uwe Timm bis Rezensent Denis Scheck). Wenn man Martin Pollack (hat den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung bekommen) von Galizien erzählen und das Desinteresse des Westens an der Ukraine und Weissrusslands beklagen hört, greift man sogleich zu seinem Buch („Der amerikanische Kaiser“), das Cord Aschenbrenner in der NZZ schon so klug besprochen hat und längst auf der langen Leseliste steht.

Wer aus Kapstadt kommt (wo Europa in den Medien so gut wie gar nicht vorkommt), möchte natürlich auch von den zwei sachkundigen FAZ-Redakteuren Eckart Lohse und Markus Wehner noch näher erläutert bekommen, warum der populäre Baron so spektakulär über sich selbst stolpern konnte - nächste Woche erscheint eine aktualisierte Auflage ihrer Guttenberg-Biographie, die um ein Kapitel über den Rücktritt erweitert ist. Ebenso gewinnend die Auftritte von Helmut-Kohl-Sohn Walter, der beredt und offenbar sehr mit sich im reinen darüber spricht, wie schwer es bei einem solch übermächtigen politischen Vater ist, sein eigenes Leben zu leben - und wie viel Zuspruch er nach Erscheinen seines Buches von Politiker-Kindern aus West und Ost erhalten hat. (Aus Kapstädter Perspektive fallen einem dazu der Sohn und der Neffe des südafrikanischen Präsidenten ein, die offenbar gern und ohne Scham Nutznießer des berühmten Namens sind und, so Kulubuse Zuma, gar nicht genug Luxusschlitten in ihrer Garage stehen haben können.)

Auf der Buchmesse spielte Afrika nur eine kleine Rolle; bei Promi-Präsentationen galt das Interesse eher den aus Film und Fernsehen bekannten Damen. Immer wenn Veronica Ferres ihr Kinder-Buch vorstellte, interessierten sich Massen - natürlich für sie, nicht für das Thema -, und auch heute-journal-Moderatorin Marietta Slomka zog mit ihrem „afrikanischen Tagebuch“ Menschenmengen an. Beinah hätte es aber auch ein Sachbuch zu Prominenz gebracht: Die „Zeit“-Journalistin Andrea Böhm war mit ihrem (sehr empfehlenswerten!) Kongo-Buch für den Sachbuch-Preis der Buchmesse nominiert (gewonnen hat ihn dann Henning Ritter von der FAZ mit seinen „Notizheften“). Und der für die alltägliche Afrikaberichterstattung so wichtige Dominic Johnson füllte das viel zu kleine taz-Auditorium spielend. „Afrika vor dem großen Sprung“ war seine Botschaft. Gewürdigt wird darin u.a. die unternehmerische Eigeninitiative - die entwicklungspolitische Hilfsindustrie (zu der man ja auch inzwischen viele Promis zählen muss) kam hier in Leipzig eher schlecht weg.

Und natürlich waren unsere „Leuchttürme“ (so nennt man das ja heute - wenn man an den südafrikanischen Rundfunk denkt, überstrahlen sie alles) auf der Messe: Arte, 3Sat, der Deutschlandfunk und natürlich ARD und ZDF mit ihren Literatursendungen. In einer Hörfunksendung des Saarländischen Rundfunks, die live von der Messe ausgestrahlt wurde, war Renate zu Gast und durfte acht Minuten lang von der „Katerstimmung am Kap“ erzählen. Auch wenn die Buchverkäufe trotzdem wohl kaum groß anziehen werden: Der Leipzig-Ausflug hat sich gelohnt.

SR-Moderator Jürgen Albers hat uns auch aus dem Herzen gesprochen, als er in seiner Anmoderation die Omnipräsenz kichernder Mangas kritisierte: aufgekratzte und aufgeputzte junge Leute, die die japanische Comic-Reihe zum Anlass nehmen, in bunten Kostümen mehr oder weniger bekleidet über die Messe zu ziehen - und in ihrer Massierung langsam wirklich störten.

Wohl auch deshalb wirkten die Veranstaltungen in der Stadt so wohltuend. „Leipzig liest“ lud im ganzen Stadtgebiet zu Begegnungen ein. Christian Brückner (auf den Messeplakaten angekündigt als „deutsche Stimme von Robert de Niro“) mit Tucholskys „Rheinsberg“ und einem Septett von Beethoven; Kabarettist Peter Ensikat mit herrlich-bösen Texten über die deutsche Einheit ("Ihr könnt ja nichts dafür"), Matthias Politycki mit seinem Hörbuch „London für Helden“ über die britische Bier-Kultur, die Stadtführung der „Leipzigerin“ alias Dr. Kirsti Dubeck über das „literarische Leipzig“, die Vorstellung des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weissensee durch die Filmemacherin Britta Wauer. Für ihren Film über diesen größten jüdischen Friedhof in Europa hat sie gerade einen Publikumspreis auf der Berlinale bekommen, er kommt Anfang April in die Kinos.

Fazit: Im nächsten März soll es wieder nach Leipzig gehen. Ein guter Rat: Möglichst früh eine Unterkunft buchen - sonst wird es teuer…

In der kommenden Woche melden wir uns dann wieder aus Kapstadt!

Freitag, 11. März 2011

(Süd-)Afrika und Libyen

(rwl) Wie sieht man denn in Südafrika die Entwicklung im Norden des Kontinents, wurden wir gefragt. Der Sturz der Diktatoren im Norden wird hier aufmerksam verfolgt, und die Kämpfe in Libyen füllen hier täglich die Zeitungsseiten.
Das Verhältnis Subsahara-Afrikas zu Ghaddafi hat niemand eleganter beschrieben als Andrew Harding, der Afrika-Korrespondent der BBC:

Africa’s Silence on Libya

Freitag, 25. Februar 2011, 12:25:59 Andrew Harding

For years the rest of Africa has treated Colonel Muammar Gaddafi like an embarrassing uncle - the sort who arrives for Christmas lunch five hours late and insists on rambling through a long-winded speech, but then makes up for it all by tucking a £50 note into your top pocket, or paying off your mortgage.
It's that combination of embarrassment and generosity - with a heavy emphasis on the latter - which must surely explain the continent's
abject silence regarding events in Libya and the fate of its "king of kings". Plus, in some of the more opulent state houses, a "there-but-for-the-grace-of-God-go-I" reticence.
The African Union - chaired until recently by Col Gaddafi himself - waited on the sidelines for days before daintily suggesting "dialogue and consultation", while South Africa's government left it to the governing African National Congress (ANC) to deplore "the unprecedented deaths". Only gallant little Botswana has
come out swinging.
The details of much of Libya's south-bound generosity are shrouded in secrecy. "Lots of dollars, MIGs, aircraft servicing, cheap oil and training," was how a well-connected source in Harare described the nature of the colonel's long-standing support for President Robert Mugabe. How many other sub-Saharan states can claim the same relationship? In return, it seems, some African countries may have allowed - or perhaps even deployed - mercenaries to help out in Tripoli.

Weniger elegant, aber nötig ist noch eine Erinnerung: Afrikas Unterstützung für den nordafrikanischen Tyrannen hat mit dazu beigetragen, die frühere UN-Menschenrechtskommission zu diskreditieren. 2003 hatten afrikanische Länder Libyen sogar für den Vorsitz der Menschenrechtskommission nominiert. 33 Nationen stimmten in den UN dafür, drei dagegen, 17 haben sich enthalten (die EU-Länder wollten die Afrikaner nicht verärgern, hieß es). Die Abstimmung war von den USA beantragt worden; bis dahin war der/die Vorsitzende immer per Akklamation bestimmt worden. Der südafrikanische UN-Botschafter Sipho George Nene fand diesen Verfahrenswechsel ziemlich ärgerlich.
An die Stelle der Menschenrechtskommission ist heute der UN-Menschenrechtsrat getreten. Auch da hinein wurde Libyen im Mai 2010 mit großer Mehrheit gewählt: 155 Staaten - etwa drei Viertel aller Mitglieder - votierten für das nordafrikanische Land, immerhin aber etwas weniger als für die anderen Kandidaten.
Jetzt ist Libyens Mitgliedschaft von der UN-Vollversammlung suspendiert worden - einmütig. Südafrika, jüngst wieder als nichtständiges Mitglied in den Sicherheitsrat gewählt, rühmt sich, die Kampagne dafür angeführt zu haben („led the campaign“, so die Außenministerin Maite Nkoana Mashabane). Auch afrikanische Politiker vertrauen offenbar auf das schlechte Gedächtnis.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Lektüre

Wer einen - ziemlich aktuellen - Überblick über die politische Diskussion in Südafrika bekommen will, darf sich gern an einem gerade erschienenen Buch orientieren: "Katerstimmung am Kap" hat Renate das von ihr zusammengestellte und mit ergänzenden Beiträgen abgerundete Werk genannt - erschienen ist es im Verlag Brandes & Apsel.
Bekannte Intellektuelle des Landes wie die Schriftstellerin Antjie Krog, Moeletsi Mbeki (der Bruder des früheren Präsidenten), Imraan Coovadia und Njabulo Ndebele, zwei bekannte Professoren, beleuchten die Stimmungslage am Kap; ein bewegender Bericht von Jonathan Jansen über die Probleme der burischen Studenten zeigt, wie schwierig eine Verständigung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen immer noch ist; wer Jonny Steinberg gelesen hat, weiß, warum Polizeibeamte korrupt werden, und wer die Irrungen und Wirrungen der BEE-Politik am Beispiel des Stromkonzerns Eskom verfolgt, wird begreifen, dass social engineering keinen Fortschritt bringen kann.
252 - sehr lesbare - Seiten voller Informationen: In jedem guten Buchladen für 24,80 € zu bekommen!