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Montag, 6. September 2010

Voorkamerfest in Darling

Drei Tage ländliches Kulturfest liegen hinter uns: Wir haben am Wochenende das Voorkamerfest in Darling besucht. Die Idee ist bestechend: Man kauft ein Ticket und bekommt eine Wundertüte – drei kulturelle Angebote à 20 Minuten, dargeboten in Wohnzimmern von Menschen in Darling. Die Karten konnte man ab 1. Juli bestellen, rasches Handeln war angesagt – und noch schlimmer war die Herbergssuche: Manches Quartier ist bereits heute für 2011 ausgebucht.
Karten hatten wir problemlos bekommen, sogar für drei Touren – nur bei der Unterkunft mussten wir heftig suchen: Darling war schon ausgebucht, im 20 Kilometer entfernten Yzerfontein bekamen wir das letzte Zimmer in einem B&B.
Als wir am Freitagnachmittag in Darling ankamen, summte und brummte es bereits in dem kleinen Dorf; mit Mühe ergatterten wir einen Parkplatz. Die Organisation klappte hervorragend, kurz nach 17 Uhr saßen wir mit zwei Dutzend anderen Menschen in zwei afrikanischen Taxis (= Minibussen) und fuhren zu unserem ersten Wohnzimmer: Dort hörten wir Guy Buttery, einen in der Szene vermutlich sehr bekannten Gitarrenkünstler, der das Instrument gerade wieder neu erfunden hat und ihm wirklich erstaunliche Töne entlockte. (Das Haus gehörte übrigens Kapstadt-„Flüchtlingen“, die vor 14 Jahren nach Darling gezogen waren, um ihre Kinder hier großzuziehen und dies nicht bereut haben.)
Unsere zweite Station war im Township von Darling, eine Stand-up Comedian, die ihr Programm in Afrikaans darbot – einiges konnte man trotzdem verstehen, viel Gelächter aber ging an uns vorbei. Auch die dritte Station war im Township: eine afrikanische Tanzgruppe, deren Darbietung wohlwollend aufgenommen, aber vermutlich von niemand recht verstanden wurde.
Ähnliche Kulturtourneen gab es Samstag und Sonntag – mit einer klassischen Harfenistin (sie spielte in dem Haus einer Weißen aus Simbabwe, die vor vier Jahren nach Darling gezogen war und bedauerte, nicht schon 30 Jahre früher dorthin gekommen zu sein), zwei Kleinkunst-Pantomimen und einer an deutsche Ländlermusik erinnernde blinde Buren-Band und – am Sonntag – einer ambitionierten jungen Sängerin, die Miriam-Makeba-Lieder und Aretha-Franklin-Songs einstudiert hatte, einem schwarzen Stand-up-Comedian, der witzig Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß aufs Korn nahm und einem Flötenspieler, der mit Klavierbegleitung klassische Fauré-Stücke intonierte. Und dabei hatten wir nur drei von sieben möglichen Kultur-Touren absolviert…
Darling platzte an diesem Wochenende aus allen Nähten. So langsam begreifen wir die Bedeutung dieser ländlichen Kulturfeste – der Staat gibt hierfür kein Geld mehr, jetzt organisieren die Menschen die Feste selbst. Und auch wenn sie überwiegend „weiß“ sind, bringen sie doch ein wenig Miteinander: Wir kennen jetzt zumindest drei Township-Häuser von Darling von innen, deren Bewohner sich zum Mitmachen entschlossen hatten – beides im Südafrika von heute keine Selbstverständlichkeiten.

Mittwoch, 1. September 2010

Bambi Kellermann

Gestern abend waren wir bei Bambi Kellermann. Bambi ist Evita Bezuidenhouts kleinere Schwester und wird ebenfalls von Pieter-Dirk Uys verkörpert, der als Bambi immer erklärt, dass die beiden Schwestern sich hassen und niemals, niemals gemeinsam an einem Ort anzutreffen seien.
Im Fugard-Theater hieß das Programm „F.A.K. Songs and other Struggle Anthems“ (F.A.K. steht dabei für Federation of Afrikaans Cultural Organisation, aber die sexuelle Anspielung ist durchaus gewollt), und es wurde heftig gesungen – Uys spielt mit Marlene Dietrich und Kurt-Weill-Liedern, die auf südafrikanische Verhältnisse umgedichtet wurden.
Der Aufführungs-Ort atmet südafrikanische Geschichte: Ursprünglich war das Fugard-Theater mal eine Kirche im District Six gewesen, dann – seit 1906 – ein Lager für ein Warenhaus. 1966 beschloss die Regierung, den Bezirk zum „weißen Gebiet“ zu erklären; die Vertreibung der 60.000 Bewohner gehört zu den bekanntesten Apartheid-Geschichten. Seit 2002 gehört das Gebäude zum (beeindruckenden) District Six Museum; seit kurzem ist dort das Fugard-Theater beheimatet, benannt nach dem südafrikanischen Dichter Anatol Fugard.
Mit auf der Bühne war „Bambi’s Bokkie Band“, und wir kannten viele der Musiker schon: Bis auf den Pianisten und Arrangeur Godfrey Johnson hatten wir sie alle schon bei MacMcKenzie’s Goema-Premiere gesehen. Und die Musik war wirklich ein Erlebnis; Godfrey (wir hatten ihn bei Mac kennen gelernt, als er mit ihm einige Lieder einübte) versteht sein Geschäft, und es war ein Vergnügen, ihm und den anderen zuzusehen (und zu hören!).
Aber Bambi hat nicht nur gesungen. Zwischen den Liedern erzählte sie ihre Geschichte – geboren als Baby Poggenpoel, verheiratet 1957 mit dem alten Nazi Joachim von Kellermann, der später in Paraguay Minister wurde, starb und eingeäschert immer mit Bambi weiter in der Welt herumreist – und verteilte satirische Spitzen zum Beispiel an Präsident Zuma, der in dieser Woche gerade von einem Staatsbesuch in China zurückgekehrt war („Gottseidank ohne eine chinesische Ehefrau“ – Zuma hat ja derzeit schon drei Ehefrauen und eine Verlobte, die ihn nach China begleitet hat) oder an den ANC, dessen Abkürzung man jetzt so dechiffriert: A New Corruption.
Das Publikum amüsierte sich, auch wenn einige Teile schwierig zu verstehen waren: manche Afrikaans-Texte für uns, manche deutsche Passagen für Südafrikaner, manche Anspielungen auf die Weimarer Republik, Josef Mengele und Martin Bormann für die historisch nicht so Bewanderten. Im Englischen würde man sagen: a must see! Sieben Vorstellungen in der Woche, 18 Tage lang: Ein starkes Programm. Hoffentlich gehen die Kapstädter hin!

Montag, 30. August 2010

Die Goema-Symphonie von Mac McKenzie

Mac McKenzie und Renate haben geheiratet - so hatte uns Regina geschrieben und gebeten, mit Wein, Buch und Glückwunschkarte in Bridgetown vorbeizufahren. Bridgetown ist Teil von Kapstadt, ein Wohngebiet für Coloureds der unteren Mittelklasse. In dem kleinen Haus des südafrikanisch-schweizerischen Ehepaares herrscht gute Stimmung, es wird gekocht und musiziert, und alle paar Minuten kommt jemand vorbei oder meldet sich per Handy für weitere Absprachen. Mac ist Musiker - ein gefragter Mann, arbeitet gleichzeitig an mehreren Projekten und war auch schon auf Deutschland-Tournee. Als wir in der kleinen Ein-Raum-Wohnung vorbeischauen, probt Mac gerade mit Godfrey, dem musikalischen Leiter des Fugard-Theaters, und mit Pieter-Dirk Uys soll auch eine neue Show einstudiert werden.
An einer Weltpremiere nehmen wir zehn Tage später teil: das Cape Town Goema Orchester mit 27 Mitwirkenden führt Macs erste Goema-Symphonie auf. Goema, so wird die Kapstädter Karneval-Musik genannt, aber sie ist noch mehr, sagt Mac: „Das ist die Musik von Kapstadt, nicht nur zum Karneval. Der Rhythmus geht in jedes Herz und jede Seele – Goema ist die Art, wie wir gehen und tanzen, wie wir reden, wiie wir miteinander umgehen. Goema ist ganz einfach eine Sprache.“
Mac hat mit diesen Elementen eine richtige Symphonie komponiert – für die klassischen Geiger, Cellisten und Flötistinnen eine echte Herausforderung, wie uns Renate in der Pause erzählt. Mit Gitarre, Bass, Marimba und Mbira kombiniert ergibt das eine manchmal sehr witzige Mischung. Im SABC-Studio in Greenpoint hat sich zur Premiere ein bunt gemischtes Publikum eingefunden, ein eher seltenes Zusammentreffen: In der Regel gibt es weiter eine „weiße“ und eine „schwarze“ Kultur. Macs Goema-Symphonie schlägt hier eine Brücke, und das Publikum hat sichtlich Spaß an der Musik. Auch den Musikern gefällt es; drei Tage lang haben sie intensiv geprobt, und die erste Geigerin atmet sichtbar auf, als der Schlussakkord erklingt. Der Rundfunk hat mit aufgezeichnet; Dokumentarfilmer haben den Abend gefilmt – und Mac McKenzie und Renate hoffen auf eine baldige zweite Aufführung. Genug kleine Festivals gäbe es.